Intimrassur, Schambeharrung, Häärchen und Esthetik
Nach mittlerweile zwei Jahren Swingerszene bin ich unten angelangt – unten was die Grundlagenforschung angeht, ganz tief unten. Ich habe mir lange überlegt, woran es liegt, haben mir tausend Gedanken über die Gründe gemacht, mich über Borniertheit und Intoleranz, Dummheit, Gruppendynamik, Konformitätswahn gewundert und ich bin zu zum Teil sehr bitteren Erkenntnissen gelangt, was meine Kompatibilität zu dieser Szene angeht. Begonnen hat es jedoch noch weiter unten – auf Pornoseiten im Internet.Meinen ersten (und für lange Zeit letzten) Pornofilm sah ich 1985, zusammen mit meiner damaligen Freundin und späteren Frau. Wir waren sowohl erregt als auch abgestoßen, damals entschied ich für mich, das müsse nicht sein und hatte auch keinerlei Entzugserscheinungen. Als ich dann, Ende der Neunziger Jahre die ersten Pornobildchen im Internet entdeckte, machte ich eine überaus überraschende Feststellung. In weniger als zwanzig Jahren hatten nahezu alle Darsteller ihre Schambehaarung eingebüßt.
Drei Fragen plagten mich nun: Erstens, warum hatten sie keine Schamhaare? Zweitens, warum hatten alle anderen Leute die ich sonst nackt sehen konnte (also nach dem Sport zum Beispiel) welche. Und drittens, wie würde es sich anfühlen, solch eine unbehaarte Scham zu streicheln, zu küssen und zu lecken? Ich bin nun wirklich kein Kostverächter (es gab Zeiten in denen ich alles vögelte, was nicht bei drei auf dem Baum war), aber in all den Jahren war mir bis zum Jahr 2000 noch keine rasierte Frau unter den Hammer gekommen.
Ich muss gestehen, meine erste rasierte Frau habe ich vergessen, zumal es nach der Trennung von meiner Frau ein ziemliches Gewusel gab, was meine Liebhaberinnen betraf (nein keine Filzläuse), ich hatte einiges nachzuholen und in gewisser Weise hole ich heute immer noch nach. Es kam dann, was kommen musste und ich rasierte mich auch mal. Selten hat mich ein asexueller Vorgang so sehr erregt, wie die erste Rasur rund um den Schwanz – ich war angetan. Auch der Sex ohne war gut. Nicht überbordend, aber auch nicht schlecht. Nach ein paar Tagen allerdings durchlebte ich eine Juckhölle, ich kratze mich am Sack wie ein räudiger Pavian! Auszuhalten war es nur, weil ich letztendlich auf die Unterhose verzichtete. Als meine Haare wieder eine gewisse Länge erreicht hatten, fand ich für mich, das Ergebnis sei weder den Aufwand noch das Leiden wert gewesen.
In den Folgejahren nahm die Zahl meiner Partnerinnen mit Schamhaaren stetig ab (nein, die Behaarten führen noch) und mich reizte sowohl das eine, wie das andere, ich nahm sie, wie sie kamen. Zweimal wurde auch äußerst wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass ich nicht darauf bestand, dass sich meine Liebhaberinnen intim rasieren, da wurde mir klar, wie weit wir schon gekommen waren. Bevor mein Beitrag zu dem wird, was er am Ende sein wird (nämlich ein Pamphlet) noch etwas in eigener Sache, weil es gerne übersehen wird. Es ist völlig unerheblich, ob ich mich rasiere oder nicht, was ich persönlich schöner finde oder nicht, es geht darum, was ich von anderen VERLANGE oder erbitte. Es geht um Toleranz, Akzeptanz und allzu Menschliches. Karl Heinrich Waggerl hat einmal gesagt: "Im Munde gewisser Leute reizen die eigenen Ansichten zum Widerspruch." So geht es mir, wenn ich bestimmte Statements pro Rasieren lese.
Habt ihr euch schon einmal gefragt, warum Menschen überhaupt Schambehaarung haben, oder besser gesagt, warum alle anderen Haare ausgefallen sind? Denn DAS ist das eigentliche Wunder, dass wir – von einigen wenigen Stellen einmal abgesehen – unbehaart sind. Warum ist das so? Das liegt am Feuer und am "Survival of the fittest". Jahrmillionen hat es gedauert und unzählige Unfälle mit Feuer und behaarter Haut und entsprechend schrecklichen Folgen mussten passieren, bis sich aus dem Genpool ein Phänotypus herausbildete, der dem Feuer, weil weniger behaart, auch weniger Angriffsfläche bot. Der andere Grund ist der, dass weniger behaarte Urmenschen die ausdauernderen Läufer (und damit die erfolgreicheren Jäger) waren, denn hat man Fell, kann man nicht schwitzen und so den erhitzen Körper wieder abkühlen.
Bevor ich mich in den nun noch folgenden Absätzen endgültig unbeliebt mache, will ich die Frage beantworten, warum die Achselhöhlen und der Bereich der Genitalien behaart sind: Gerüche haften auf behaarter Haut deutlich besser, als auf glatter oder rasierter Haut. Genau, deswegen sollen sie ja weg! So denkt ihr vielleicht; das hat nur einen Haken: Mit den Gerüchen vertreiben wir nämlich auch unsere körpereigenen Sexuallockstoffe, die Pheromone. Diese nehmen wir Menschen mit dem vomeronasalen Organ wahr. Und mit Hilfe dieser Pheromone entscheiden wir unter anderem, ob die genetische Konstellation für mögliche Nachkommen günstig ist. Wenn wir unsere Partner also „nicht riechen“ mögen, hat das seinen Grund, und es hilft überhaupt nichts, mit Parfums und Deodorants dagegen anstinken zu wollen.
Aber nun wieder zurück zum Joyclub. Unbedarfte Menschen äußern hier immer wieder, sich zu rasieren sei hygienischer. Das ist ungefähr ein genauso wertvolles Argument, würde ich behaupten, wer auf rasierte Partner besteht, sei ein verkappter Pädophiler. Eine Rasur hat per se nichts mit Hygiene zu tun, jedenfalls nicht, so lange in diesem Bereich nicht gerade eine Operation durchgeführt werden soll. Sieht man nämlich einmal bei Wikipedia nach, steht dort: Im engeren Sinn werden unter Hygiene die Maßnahmen zur Vorbeugung von Infektionskrankheiten bezeichnet, insbesondere Reinigung, Desinfektion und Sterilisation. An dieser Definition sieht man schon, dass es ihnen nicht um Hygiene, sondern vielmehr um Sauberkeit geht. Als ob sich Menschen mit Schamhaaren nicht waschen könnten!
Und nicht zu vergessen: Die Haare im Mund! Ih, wie eklig, widerlich. Die vermeintlich Witzigeren unter den Rasurfetischisten bemühen die mittlerweile auch längst abgedroschene Vokabel "Zahnseide", nur um zu demonstrieren, dass sie ja gar nicht so humorlos seien, wie einen ihre Haltung vermuten ließe. Auf jeden Fall bekommt man den Eindruck, früher seien die Leute regelmäßig an den Schamhaaren erstickt, die sie bei der Fellatio oder beim Cunnilingus aufzunehmen gezwungen waren.
Nur weil jemand keine Lust hat, sich jeden oder jeden zweiten Tag der ermüdenden (und bei manchen mühsamen) Prozedur des Rasierens zu unterwerfen, wird er stigmatisiert und ausgegrenzt. Nach dem Motto: Wenn ICH mir schon diese Mühe mache, ist es mein gutes Recht, dies auch von einem Sexpartner zu verlangen! Ganz ehrlich, so jemanden kann man getrost vergessen! Vermutlich hat er, von ein paar rasierten Eiern abgesehen, nicht viel mehr zu bieten. Auch das Gerücht, wer sich rasiere, sei sexuell offener und interessierter, müssen meine entzündeten Augen immer wieder lesen. Ein unrasierter Intimbereich KANN ein Zeichen für mangelndes sexuelles Interesse sein, das bedeutet NCIHT, dass es so sein MUSS – genauso kann eine rasierte Scham ein Zeichen dafür sein, dass man sich nicht mit dem Älterwerden abfinden kann und will.
Viele Menschen suchen hier nach Sexualpartnern, unabhängig davon, ob diese nur eine Nacht oder bis an das Lebensende halten sollen. Sie wollen ihre Lust entdecken, experimentieren, ein Abenteuer erleben, ausbrechen, ihre Grenzen erfahren, sich verlieben, ihre Triebe ausleben, Fantasien wahr werden lassen, sich geheime Wünsche erfüllen, sie suchen den erotischen Kick, Hemmungslosigkeit oder möchten ihren erotischen Horizont erweitern. Leider suchen die Anwesenden hier selten nach MENSCHEN, sie suchen in aller Regel nach Projektionen ihrer eigenen Vorlieben und Neigungen, kulminiert in einem Mr. oder einer Ms. Right. Diese können dann, wenn sie allen Anforderungen genügen, sich glücklich schätzen, erwählt worden zu sein, unabhängig davon, ob ihre eigenen Wünsche auch eine entsprechende Berücksichtigung finden werden. Je attraktiver die suchende Person ist, desto ausgeprägter ist jenes Verhalten.
Wozu das führt, kann man hier tagtäglich sehen: Die große Mehrheit sieht sich dazu genötigt, sich zu rasieren: Je älter und unattraktiver sich jemand findet, desto ausgeprägter der Wunsch nach Konformität im Schamhaarbereich und umso zwingender wird es, dies auch allen anderen mitzuteilen. Seinen Höhepunkt findet dieses an sich schon lächerliche Verhalten in den Rasurthreads: In keinen anderen Forenbeiträgen wird so gerne und viel gepostet wie ausgerechnet hier, als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Besonders Männer, die nicht zahlen wollen oder können, versuchen hier, auf sich aufmerksam zu machen. "SEHT HER, ICH BIN AUCH RASIERT, WIR KÖNNTEN DOCH MAL ...!" Wenn sie schon keinen Porsche haben, den sie in ihren Profilbildchen für sich sprechen lassen oder wenigstens eine Haarlackdose in der Unterwäsche herzeigen können, ist dies ihr Mittel, der Joyclubwelt zu zeigen, was für ein toller (weil rasierter) Typ sie doch sind.
Undenkbar, dass Romeo von Julia verlangt hätte, dass sie sich gefälligst vorher rasieren, sonst würde das mit den beiden nichts. Selbst Dun Juan oder Giacomo Girolamo Casanova hatten sicherlich Besseres zu tun, als sich vorab schon mal darüber zu informieren, welche Schamhaarlänge ihre Angebeteten denn wohl haben mochten. Daran sieht man, dass hier im Joyclub ein Thema aufgeblasen wird, welches im Grunde genommen höchstens fünftrangig sein sollte. Hier wird nicht in erster Linie nach MENSCHEN gesucht, mit denen man sich so gut versteht, dass man auch Sex mit ihnen erleben möchte, hier werden (von solch militanten Rasierern zumindest) Sexmaschinen gesucht. Sexmaschinen mit Attributen, die man sich bitte vorher aussuchen kann. Was zählen für solche Fetischisten schon Persönlichkeit, Eloquenz, Sympathie und Einfühlungsvermögen? Hauptsache die Schamhaare sind weg!
Was soll das?
Ich habe zwar eine Hackfresse, aber wenn du mir einen bläst, hast du wenigstens keine Haare im Mund?
Ich bin zwar so fett, dass sogar Rubens geflüchtet wäre, aber wenn du meine Fettschürze hochklappst, wirst du kein noch so kleines Härchen finden?
Ich menstruiere zwar nicht mehr, aber wenn du das Gesicht verdeckst, sehe ich immer noch aus wie elf?
Ich kann zwar keinen fehlerfreien Satz artikulieren (geschweige denn schreiben) aber dafür kannst du prima an meinen rasierten Eiern/Schamlippen lutschen?
Zumindest der letzte Punkt hat etwas für sich, jedenfalls was unfreiwillige Komik betrifft, denn immer wieder könnte man denken, dass die Menschen, die gebetsmühlenartig ihre Rasurbefürwortermentalität zum Besten geben, mit den Haaren auch ihr Denkvermögen abrasieren. Da ist von "Intimrassur" die Rede, oder von "Schambeharrung", es müssen die "Häärchen" ab oder das hier: "Ungehinterten Sex" meint jemand nur ohne Haare haben zu können und ein anderer schwört auf die "Esthetik" eines rasierten Intimbereichs, ich könnte noch Stunden weitermachen, aber gut ...
Zum Schluss noch ein Wort zur viel gepriesenen und in meinen Ohren längst überstrapazierten Vokabel der Toleranz. Theodor Fontane (den ich für seine weisen Aussprüche zutiefst bewundere) hat einmal gesagt: "Bloßes Ignorieren ist noch keine Toleranz." Als ob er hier gewesen wäre. Denn HIER wird unter Toleranz verstanden, dass der Unrasierte sich hier auch aufhalten darf – so lange er auf Abstand bleibt! Wie überaus großzügig, vor Rührung kommen mir gleich die Tränen. Wirkliche Toleranz hingegen sieht anders aus.
Menschen, Individuen, Persönlichkeiten, Typen, echte Männer™ und echte Frauen™ werden hier doch gar nicht gesucht. Die Haare müssen ab, blank geschrubbt müssen sie sein und das letzte bisschen Individualität wird mit einem "besonderen Duft" aus der Pafümerieabteilung übertüncht, fertig ist die (lebende) Gummipuppe. Wer echtes Verlangen nach einem Menschen spürt, wer wirkliche Leidenschaft erleben will, dem sollte es egal sein, denn bei den wirklich zentralen Fragen ob man sexuell zueinander passt oder nicht, spielen Haare eine untergeordnete Rolle. Wer hingegen auf einer Rasur BESTEHT, der hat im Grunde genommen Angst vor dem Menschen, der will nichts weiter als sein narzisstisches Ich an einem möglichst makellosen Körper ohne störende menschliche Eigenheiten befriedigen.
© 2008 Tilmann
Ich erhoffe mir eine wirklich in die Tiefe gehende Diskussion über das Thema als Ganzes. Antworten wie diese: "Wir finden Rasieren im Intimbereich gehört dazu wie das Zähneputzen!", oder jene: "Da gibt es nur eine Antwort, ein unbedingtes Muss.", sind am Thema vorbei (denn es geht hier um Toleranz und das, was Menschen hier suchen und nicht um Intimrasur), mithin sowohl überflüssig als auch peinlich.